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Jenseits der Magie – das Leben ohne Zauberstab

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Jenseits der Magie. Vom Segen und Fluch, als Zauberer groß zu werden von Tom Felton

Haben Sie einen Büchergutschein zu Weihnachten bekommen? Dann empfehle ich dieses magische Buch. Ein Muss für jeden „großen“ Harry-Potter-Fan.

Inhalt

Tom Felton: Jenseits der Magie. In Übersetzung von Petra Hucke, Dagmar Klotz u. Frederik Kugler. © 2022 by Edel Books, Hamburg.

Der britische Schauspieler Tom Felton wurde vor allem durch seine Rolle als Draco Malfoy in den Harry-Potter-Filmen bekannt. In seiner Autobiografie blickt er hinter die Kulissen einer der größten Filmproduktionen der letzten Jahrzehnte. Er erzählt offen und ehrlich, wie es war, hinter den Mauern von Hogwarts zwischen Zauberwesen und Magie aufzuwachsen.

Mit seinem eigenen Humor berichtet er von den zwei Welten, die einen enormen Einfluss auf sein Leben hatten: seine Familie, seine „normale“ Schule, seine Freunde zu Hause einerseits. Andererseits die bizarre Welt des Filmemachens, der Dreharbeiten, des Berühmtseins.

Er berichtet davon, was es mit ihm gemacht hat, neben Stars wie Alan Rickman zu stehen, und von wem er was gelernt hat. Und dass es manchmal nicht unbedingt ein gestandener „Star“ sein muss, der einem etwas beibringt.

Doch Ruhm hat auch immer Schattenseiten. Felton verschweigt sie nicht. Er erzählt vom tiefen Fall nach dem Ende der Harry-Potter-Dreharbeiten und wie es ihm gelang, den Weg zurückzufinden. Ein unterhaltsames, erhellendes und manchmal auch nachdenklich machendes Buch mit tollen Einblicken in die Welt der Harry-Potter-Filmproduktion aus Sicht eines Protagonisten. Und ein Buch, das ein bisschen Mut macht, wenn das Leben einen mit seiner dunklen Seite begegnet.

Die Magie des Draco Malfoy

Magie, Zauberei und Autobiografisches. Eigentlich so gar nicht mein Ding – zumindest die beiden Erstgenannten. Vor allem: Ich habe die Harry-Potter-Bücher nie gelesen. Wenn Fantasy, dann in Maßen auf der Leinwand. (Obwohl mich die „Fantasie“ der Science-Fiction wesentlich mehr anspricht.) Ich liebe die Herr-der-Ringe-Filme und habe mit der Zeit auch Gefallen an den Harry-Potter-Abenteuern gefunden. Allerdings aus der Sicht eines Erwachsenen.

Mich begeistern weniger Zauberwesen und magische Welten, sondern die Entwicklung der Charaktere über die Jahre hinweg. Und dabei besonders die Veränderung, die mit einem gewissen blonden Slytherin in den letzten beiden Teilen vor sich geht: Draco Malfoy.

Tom Felton definiert diese Veränderung als eines der Hauptthemen der gesamten Geschichte: „die Wahlfreiheit“: „Der Junge, der nie eine Wahl hatte, hat nun eine [auf dem Landsitz der Malfoys]. […] Er hat die Wahl […] das Richtige zu tun. [… N]un versteht auch er, was Dumbledore Harry bereits ganz zu Beginn der Geschichte gesagt hat: dass es unsere Entscheidungen sind und nicht unsere Fähigkeiten, die zeigen, wer wir wirklich sind.“

Zauberhaftes Lernen von Hollywood

Diese Stelle ist eine von vielen, die zeigen, wie intensiv sich Felton mit seiner Figur, aber auch den Menschen um ihn herum auseinandersetzt. Es gelingt ihm, die Momente zu erfassen, in denen aus den Hollywood-Größen, die neben ihm spielten, Menschen wurden. Menschen, die er bewundert(e) und von denen er lernen konnte.

Der leider bereits verstorbene, meiner Meinung nach großartige, Alan Rickman (Snape) war für Felton jahrelang eine „furchteinflößende Gestalt“. Eine kleine Bemerkung und eine Geste genügten jedoch, um zu erkennen, dass Rickman einen „unglaublich trockenen Humor besaß“ und ein „kluge[r], witzige[r] und interessante[r]“ Mensch war.

Jason Isaacs (Lucius) hinterließ einen weiteren tiefen Eindruck bei Felton. Isaacs besitzt das Talent, von einem Moment auf den anderen die Rolle zu wechseln: „Mit der Zeit begriff ich, dass Jasons Fähigkeit, den Schalter umzulegen, einzigartig war.“ / „Ich fand es sehr verwirrend zu sehen, wie sich der Charakter einer Person so plötzlich und vollständig verändern konnte, und hatte ad hoc […] Angst vor ihm.“

Und Helen McCrory (Narcissa) musste er „nur ansehen, und schon verstand ich Draco ein bisschen besser“. In Ralph Fiennes Nähe fühlte Felton sich unwohl, was allerdings nicht an dessen Rolle als Voldemort lag.

Doch Tom Felton beschreibt nicht nur die Bewunderung, die er für seine bekannten Kollegen empfindet. Er berichtet auch von den „Zeiten, in denen es extrem schwer für uns Kinder war“ neben jenen Charakteren zu bestehen.

Leider kommen diese Beschreibungen im Buch zu kurz. Felton lässt immer wieder aufblitzen, wie treffend er für ihn bedeutende, erhellende und verändernde Momente erkennt und zu analysieren weiß. Aber jedes Mal, wenn ich neugierig auf mehr wurde, war der Take zu Ende. Ich hätte mir mehr Tiefgang gewünscht.

Die unausgereifte Magie des Stils

Emma Watson bezeichnet Felton im Vorwort als „Dichter“. Sie bewundert ihn für seine Fähigkeit, mit Sprache umzugehen. Ich tue es nicht. Feltons Art und Weise zu schreiben mögen seiner Persönlichkeit entsprechen. Aber aus Leser- und Lektorensicht kann ich mich für den Schreibstil des Buches nicht erwärmen. Er passt nicht zu einem 36-Jährigen mit dieser Lebenserfahrung. Zu umgangssprachlich, zu viele Einschübe wie „Sorry, Boss“ oder „Tut mir leid, Mum“. Felton möchte seine Geschichte mit Humor erzählen, verfällt dadurch aber in einen flapsigen, sich selbst nicht ernst nehmenden Stil, der dem Buch schadet. Dazu zählen auch die übertriebenen Kapitelüberschriften.

Der magische Aufbau

Das Buch ist nicht streng chronologisch, sondern eher thematisch aufgebaut. Wobei Familie, die Harry-Potter-Dreharbeiten und das Danach die Schwerpunkte ausmachen.

Felton erzählt viel über seine Familie, die ihn stets unterstützte und ihm half, auf dem Boden zu bleiben. Dabei kommen auch die weniger schönen Dinge nicht zu kurz. Die Trennung der Eltern kehrt Felton ebenso wenig unter den Teppich wie die psychische Erkrankung seines Bruders.

Der junge Schauspieler macht keinen Hehl daraus, dass er am Anfang seiner Karriere vermutlich mehr Glück hatte als er Talent an den Tag legte. Ein bisschen Understatement ist gewiss auch dabei, doch an keiner Stelle Überheblichkeit.

Ganz nebenbei, neben all den Erlebnissen und kleinen Anekdoten, bekommt der Leser einen einzigartigen Einblick in die Abläufe an einem Filmset und hinter die Kulissen einer der erfolgreichsten Romanverfilmungen. Oder wissen sie, wie man ein Quidditch-Spiel ohne echte, auf einem Besen reitende Zauberer filmt?

Jenseits der Magie

Ein letztes großes Kapitel nimmt die Zeit nach Harry Potter ein. Einerseits beschreibt Felton, wie dankbar er immer war, nicht dem gleichen Medienrummel wie Daniel Radcliffe, Emma Watson oder Rupert Grint ausgesetzt gewesen zu sein. Ihm war es möglich, abseits der Kameras ein relativ normales Leben zu führen. Andererseits war es für ihn bedeutend schwerer, seine Schauspielkarriere nach Drehschluss voranzutreiben.

Den tiefen Fall in Alkohol und Depression verharmlost Felton in seiner Autobiografie nicht. Offen und ehrlich steht er zu seinen Fehlern. Er beschreibt den Abwärtsstrudel, in den er gerät, und aus dem er ohne das Engagement anderer nicht herausgekommen wäre. Seine Absicht, warum er diesen Teil seines Lebens ausführlich darlegt, ist einfach: Er möchte anderen Menschen Mut machen.

Für Felton wurde der Absturz zu einem Wendepunkt. Er führte nicht zu einer steilen Karriere in Hollywood. Sondern zu einem zufriedeneren Leben, in dem „Liebe, Familie und Freundschaft an erster Stelle stehen“.

Kurz gesagt:
Wäre ich Tom Feltons Lektorin gewesen, hätten wir viel Stoff für hitzige Diskussionen gehabt. Nichtsdestotrotz ein Buch, dass jeder „große“ Harry-Potter-Fan gelesen haben sollte.

Gelesene Ausgabe: Felton, Tom: Jenseits der Magie. Von Segen und Fluch, als Zauberer groß zu werden. In Übersetzung von Petra Hucke, Dagmar Klotz und Frederik Kugler. Edel Verlagsgruppe. Hamburg 2022. ISBN 978-3-8419-0845-2

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